English

#MoTcast

transformer #18

Zukunft beginnt mit der Überwindung alter Denkmuster

Matthias Horx
Special Guest Matthias Horx

Download (Episode 018, mp3, 55:38)

Was bedeutet eigentlich Zukunft? Zunächst einmal eine Veränderung im Kopf, die mit der "Überwindung alter Denkmuster" beginnt, so unser dieswöchiger Interview-Gast Matthias Horx. Wir haben mit dem Trendforscher über Zukunftsvisionen, Change Management und Optimismus gesprochen - und uns mit der Frage beschäftigt, ob die Zukunft eigentlich vollkommen unvorhersehbar ist, oder sich trotz zunehmender Komplexität gewisse realistische Prognosen anstellen lassen.

In dieser Episode

  • Von der marketingfokussierten Trendforschung zur modellbasierten Zukunftswissenschaft
  • Warum Unternehmen Zukunfts-Think-Tanks und Zukunftsagenten brauchen
  • Ideologien: über Zukunftsskepsis vs 'anstrengenden Optimismus'
  • Grundlagen der Zukunftsforschung: Probabilistik, System- und Evolutionstheorie
  • Self-fulfilling Prophecy
  • Kognitionswissenschaften: Wie 'tickt das Hirn'? Und was das mit Zukunftsgestaltung zu tun hat.
  • Zukunftsgeschichten zwischen Erlösung und Apokalypse
  • Die deutschsprachige Kulturprägung im Umgang mit Zukunft
  • Die Rolle der Medien in unserer Wahrnehmung von Zukunft

 

Special Guest: Matthias Horx

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Foto: Klaus Vyhnalek

Matthias Horx startete seine Karriere als Journalist, comic-Zeichner und Science-Fiction Autor. Heute ist er Publizist und einer der einflussreichsten Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. 1999 gründete er mit dem Zukunftsinstitut einen Think-Tank, der heute zahlreiche europäische Unternehmen in allen Wirtschaftsbereichen berät. Seit 2007 lehrt er Prognostik und Früherkennung als Dozent an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Seine methodische Arbeit kreist um die Entwicklung einer neuen Synthese-Prognostik – einer Verbindung von System-, Sozial-, Kognitions- und Evolutionswissenschaften.

 

Aus den Erkenntnissen der Zukunftsforschung heraus entwarf Horx mit seiner Familie und dem Architekten Hans Peter Wörndl das Future Evolution House am Stadtrand von Wien. Das Haus ist ein sich ständig veränderndes Experiment, das Trends und Entwicklungen aus Energie, Medien, Haussteuerung, Mobilität, Design und Materialien aufgreift - und natürlich ein alltäglich bewohnbarer Lebensraum für eine ganz normale vierköpfige Familie.

 

Aktuelles Buch: Zukunft wagen - Über den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren

Matthias Horx: Zukunft wagen - Über den klugen Umgabng mit dem Unvorhersehbaren

In seinem neuen Buch „Zukunft wagen - Über den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren” beschäftigft sich Matthias Horx mit der menschlichen Vorstellung von Zukunft und den damit zusammenhängenden Ängsten und Hoffnungen. Wer einen Blick in das Buch werfen möchte, kann hier das Vorwort kostenlos lesen.

Neben seiner Tätigkeit als Buchautor ist Matthias Horx auch Herausgeber des Magazins Trend-Update.

Key Takeaways

 
  • Zu Trendforschung:

"Marketer haben uns oft angerufen und gebeten 'Könnt ihr nicht mal einen Trend erfinden? Unser Produkt geht nicht richtig ...'".

  • Im Kontext 'Zukunftsinteresse'
 

"Warum sollte man sich mit Zukunft auseinandersetzen? Mein Hund tut das auch nur begrenzt ... und überlebt eigentlich ganz gut."

 

 
  • Was ist Zukunft?

"Zukunft liegt zwischen den Extremszenarien Erlösung und Apokalypse. Zukunft ist ein gradueller, rekursiver und evolutionärer Prozess, den man beschreiben kann. Und wenn man den beschreiben will und kann, dann nähert man sich natürlich in irgendeiner Form dem Welträtsel."

"Das Internet wird immer mehr unser Leben bestimmen - wer sagt das eigentlich? Wir beobachten gerade eher eine digitale Revision. Die Gesellschaft beginnt, stark an der digitalen Zukunft zu zweifeln: Ist das wirklich gut, wenn alles miteinander vernetzt wird?. Immer mehr Menschen gehen auch wieder raus aus dem Netz oder sind zornig. Was dann dabei herauskommt, ist vielleicht eine 2. Generation Internet: eine Real-Digital-Welt."

"Future-Bios ist die Verzerrung im Kopf durch eigene Interessen. Deshalb sind die meisten Zukunftsprognosen sind interessenbasiert. Wichtig ist immer zu fragen: 'Wer profitiert davon, wenn wir das jeweilige Zukunftsszenario für relevant und zutreffend halten?"

 

  •  Im Kontext 'historische Zukunftsplanung'

"Es gibt praktisch nichts, was nicht vorausgesagt worden ist. Nur die Leute, die es richtig vorausgesagt haben, sind völlig unbekannt geblieben. Und das ist kein Zufall, sondern liegt daran, dass die Gegenwart bestimmte Bedürfnisse nach Zukunft erzeugt, die viel besser über Narration befriedigt werden können. Und diese Geschichten haben mit der wirklichen Zukunft nichts zu tun."

 

  • Im Kontext Zukunftsszenarien:

"Niemand kann alles vorhersagen. Den Laplaceschen Dämon gibt es nicht. Aber es gibt Schneisen von Wahrscheinlichkeiten. Man kann Muster und Algorithmen erkennen - und die liegen eben nicht in den extremen Szenarien, wie sie die ScienceFiction-Autoren beschreiben. Zukunft ist immer ein Kompromiss." 

"Natürlich werden Roboter den Menschen nicht ersetzen. Das ist nur eine Angst, die aus mangelndem Selbstbewusstsein von Menschen resultiert. Aber wir Wahrscheinlich ist es denn, dass ein Pflegeroboter eingesetzt wird? Darüber kann man schon Aussagen machen."

 

  • Zukunft und die Relevanz für Unternehmen

 

"Der Gartner Hype Cycle ist zwar rund, aber ist trotzdem linear, weil er glaubt, das eins nach dem anderen kommt. Er versteht nicht, wie sich Technologie durch Gesellschaft immer wieder verändert und adaptiert."

 

"Es geht immer dann schief, wenn man im Management versucht, einen Markt auf die kommenden 15 Jahre beispielsweise zu interpolieren und dafür Beweise und Garantien verlangt, um die Investitionen für die darauf passenden Investitionen in Maschinen zu tätigen. Als ob man Zukunft beweisen könnte ..."

"Wir machen keine konkrete Beratung des Managements; das machen Berater - oft mit dem Ziel der Kosteneinsparung. Es wird also viel Geld ausgegeben, um Menschen und Geld einzusparen. Wir versuchen die Firmen zu irritieren und zu verunsichern im positiven Sinn. Wir versuchen im Grunde das Management so in Schwingung zu versetzen, so dass es die Welt anders sehen kann."

"Wir können niemandem sagen: Denk so! Aber wir können Techniken einsetzen, die Erschütterungen bestehender Denkmuster bewusst erzeugen. Es geht darum, dass Menschen und Firmen öfter über Märkte im Ganzen nachdenken. Was können wir beobachten? Was steht dahinter? Wohin bewegen sich Technologie und Märkte wahrscheinlich? Das ist nicht neu, sondern im Grunde schon seit den 60igern in der Szenariotechnik von Shell erdacht." (http://de.wikipedia.org/wiki/Szenariotechnik)

"Unsere Aufgabe ist es, die strategische Intelligenz des Managements zu erhöhen. Und dazu brauchen wir mentale Arbeit."

  • Zukunftsagenten und Future Think Tanks

"In jedem Unternehmen gibt es Zukunftsagenten mit einem offenen Geist. Diese Menschen haben oft die Aufgabe, die Firma positiv in Frage zu stellen. Diese Menschen müssen gestärkt und trainiert werden, damit sie diese essentielle Aufgabe gegenüber dem gesamten Unternehmenskorpus erfolgreicher umsetzen können. Hier entwickeln wir mentale Techniken und Workshop-Techniken, in denen komplexere Weltbilder und komplexere Zukunftsbilder im Management entstehen können."

 

"Es gibt Unternehmen, die richtige Zukunftsforscher eingestellt haben. Das werden immer mehr. In vielen großen Firmen gibt es sogar echte Trend- und Zukunftsabteilungen. Der Erfolg dieser offiziellen Trend- und Zukunftsbeauftragten ist jedoch oft überschaubar. Daneben gibt es aber im Management und in allen Bereichen von Unternehmen Menschen, die zweifeln. Menschen, die etwas umtreibt, was sie anders machen wollen. Das ist die Klientel, mit der wir vom Zukunftsinstitut arbeiten."

"Unser neues Seminarformat 'Master of Future Administration' (MFA) am 23. Oktober in Berlin dient genau dem Punkt, diese Zukunftsagenten in den Essentials zukunftsorientierter Mindsets und den Grundlagen der Modellbildung zu zu schulen, dass die Menschen damit auch sicherer werden. Es geht um mehr Widerstandsfähigkeit gegen die alten Mechanismen in jedem Unternehmen, die neue Denkmuster mit bekannten Bedenken wieder wegfegen."

"Neben einzelnen Zukunftsagenten gibt es in größeren Organisationen oft sogenannte Think Tanks, die um die Unternehmen herum versuchen, Erkenntnis umzusetzen." 

"Echte Think Tanks versuchen, unterschiedliche Sichtweisen ins Unternehmen hineinzuprojizieren. Beispielsweise Sichtweisen von Systemtheoretikern, Anthropologen oder was auch immer. Es geht um einen extrem interdisziplinären Ansatz, wo man eben nicht mit der Sichtweise der Ökonomie auf Ökonomie schaut. Es geht auch hierbei immer wieder um die bewusste Störung."

 
  • Zukunftsdenken

"Uns muss hin und wieder schwindelig werden, damit das Hirn neue Formen annehmen kann."

"Es geht nicht um einzelne Trends, sondern um die Art und Weise wie man Zukunft denken kann und muss."

"Zu den größten Fehlern gehört es, Zukunft mit Science Fiction zu verwechseln und die Zukunft linear zu sehen."

 

"Der schlechte Ruf der Zukunftsforschung liegt daran, dass auf diesem Feld ein Menge Idioten rumlaufen, die überhaupt keine Theoriebindung besitzen; die nur so tun als ob. Mein Ehrgeiz ist es, da eine gewisse Art von Substanz reinzubringen." 

"Wir machen mit unserem Zukunftskongress jedes Jahr die Erfahrung, dass immer 10-15% der Teilnehmer richtig sauer sind, weil sie sich was völlig anderes erwartet haben (bspw. 'Die Marketingtrends' oder 'Aussagen zur Zukunft des Handels'). Das ist unvermeidlich. Es wird - wie bei Künstlern und Wissenschaftlern - immer Menschen geben, die ihre Theorie in Frage stellen. Man muss sich auch riskieren; es ist prekär."

 

  • Die Deutsche Zukunftsbrille

"Wenn wir in Deutschland die innere Annahme, dass die Welt den Bach runtergeht, in Frage stellen, dann hat das für die meisten Menschen schon einen erschütternden Charakter. Das macht die meisten völlig fertig, denn der Glaube an den Untergang ist eine innere Stabilisierung. Denn wenn der Untergang stattfindet, muss ich ja nichts mehr tun. Ich bin dann raus aus dem Schneider und kann einfach darüber schimpfen, wer Schuld ist."

"Wer sagt: 'Die Welt ist schlecht' betreibt eine Komplexitätsreduzierung. Genau diese Haltung müssen wir herausfordern, denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Welt untergeht. Jedenfalls in diesem Jahrhundert. Wenn es gelingt, dass Menschen diese Infragestellung emotional annehmen, dann entstehen nach meiner Erfahrung sehr spannende Dinge."

"Es gibt Verbündete für die Erschütterung. Wir können beim Projekt 'Gapminder' von Hans Rosling beispielsweise mit allen Tools von Big Data über Long Data sehen, was sich auf der Welt alles verbessert hat."

 
  • Die Rolle der Medien

"Wir haben oft absolut negative Einschätzungen über die Welt, weil wir von den Medien komplett hysterisiert sind."

"Die Medien sind ein System und arbeitet wie eine Maschine. Diese Maschine arbeitet mit einer einzigen Kernressource: Erregung. Und Erregung ist über Angst am besten zu steuern."

"Das, was in der Zeitung steht, ist keine objektive Weltbeschreibung. Ich muss meine eigene Weltbeschreibung finden. Und dafür brauche ich andere Kanäle - wie das Internet, wo man auch andere Sichtweisen und Fakten in Erfahrung bringen kann."

"Die entscheidende Frage ist: Wie werden die traditionellen Medien, die immer mehr in die apokalytische Ebene gehen, ihre Deutungsmacht verlieren? Und welche neuen Medien entstehen jenseits der Hysterie?"

"Medien kann man nicht steuern und positive Berichterstattung ist nicht ihre Aufgabe. Die einzige Hoffnung, die man haben kann, ist dass es immer mehr Menschen gibt, die Abschalten und den ganzen Kram nicht mehr glauben."

"Es gibt immer mehr Menschen, die sich ihren eigenen Kopf machen und verstehen, dass die Welt komplexer ist als das, was an linearen Trends in den Medien vertreten wird.

 
  • Wie Zukunft entstehen kann

"Die Welt zu entkatastrophieren ist eine wesentliche Aufgabe, die wir Zukunftsforscher leisten müssen, denn die schlimmsten Entwicklungen entstehen immer aus Angst und Depression, die dann dahinter steht."

"Es geht nicht um Optimismus oder Pessimismus. Das sind beides Ideologien, welche die Welt nur in einer bestimmten Wahrnehmungsebene sortieren. Ich betrachte mich - nach Rosling - als Possibilist, d.h. als ein Vertreter des Möglichen."

"Ich glaube, dass Zukunft nur entstehen kann, wenn man auch das Positive anerkennen kann. Das bedeutet nicht, dass man blauäugig die Probleme auf diesem Planeten ignoriert. An dieser Stelle geht Zukunftsforschung in klassisch psychologische Arbeit über."

"Man kann keinen Apokalyptiker davon abhalten, die Welt negativ zu sehen. Schon gar nicht mit der frontalen Aufforderung 'denk doch mal anders'. So wird es nicht funktionieren. Aber durch mentale Techniken kann man Menschen manchmal dazu bringen, dass sich das tiefe Seufzen umsetzt in eine Art von Neugier und Hoffnung auf die Zukunft. Und darum geht es mir letzten Endes."

 

ToolBox

Mit dem Inhalt der WorkBoxen kann man selbst WorkShops zu Trends und Innovationskultur durchführen und  neue Produkt- und Service-Ideen erarbeiten.

 

Buchverlosung

Gemeinsam mit Matthias Horx verlosen wir 3 handsignierte Exemplare des Buchs "Zukunft wagen". Mit einem Kommentar in den Shownotes dieser Episode könnt ihr an der Verlosung teilnehmen. Die Gewinner werden hier in den Shownotes und/oder direkt per Twitter oder Mail von uns kontaktiert.

Viel Glück - es lohnt sich!

Aus der Show & weitere Infos

  • Wer Matthias Horx live sehen möchte, kann am 23. Oktober in Berlin am Seminar Master of Future Administration teilnehmen: Info & Tickets

  • Hans Rosling shows that the world might not be as bad as you might believe: